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1878 – 1942

Josef Bukofzer

»Als ein jüdischer Verfolgter war er Opfer der genuin nationalsozialistischen Rechtsprechung geworden.«

Josef Bukofzer starb am 2. Februar 1942 auf dem Hohenasperg, einer Zweigstelle des Zuchthauses Ludwigsburg, an Lungentuberkulose. Laut Leichenbuch wurde er in einem »Sammeltransport« zusammen mit Michael Ziach, der in Welzheim erhängt worden war, am 4. Februar in die Tübinger Anatomie gebracht. Ende 1943 wurde [...]

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1896 – 1941

Karl Westermeier

»Westermeiers Biografie zeigt, wie moralisch ambivalent sich die Geschichte von Straftätern während der NS-Zeit gestaltet.«

Der bayerische Schneider Karl Westermeier starb während seiner Haftstrafe im Zuchthaus Hohenasperg und hatte keine Angehörigen, die finanziell für seine Bestattung hätten aufkommen können. Daher gelangte seine Leiche zunächst in die Tübinger Anatomie und anschließend auf das Gräberfeld X. Grund für Westermeiers Haft war seine [...]

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1913 – 1940

Georg Nestor

»Allgemeinzustand ist durch das Gewicht angezeigt.« Georg Nestor (5.5.1913-27.4.1940)

In der vom Stadtarchiv Tübingen 2019 publizierten Liste aller im Gräberfeld X bestatteten Toten findet sich auch ein Eintrag unter dem Namen Nestor, der allzu oft das Wort »unbekannt« enthält. Vorname? Unbekannt. Alter und Geburtsdatum? Unbekannt. Geburtsort? Unbekannt. Todesursache? Unbekannt. Bekannt war immerhin das ungefähre [...]

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1895 – 1935

Karoline Theobald, geb. Blatter

Karoline Theobald starb während ihrer einjährigen Jahr Haft in der Strafanstalt Gotteszell, nachdem sie wegen Geldbeschaffung unter "Vorspiegelung falscher Tatsachen" in 29 Fällen verurteilt wurde.

Probleme der historischen Rekonstruktion Wie auch bei vielen anderen, die im Gräberfeld X bestattet sind, liegen zu Karoline Theobald nur spärliche Informationen vor. Wichtige Einblicke liefert ausgerechnet ein Lebensbericht, den sie anlässlich der Einweisung in ein staatliches Gefängnis 1935 anfertigen musste. Dieses Dokument bringt jedoch [...]

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1916 – 1941

Hans Belschner

»Ich wäre der beste Kerl, wenn ich irgendwo wäre, wo ich persönlich und nicht geschäftlich behandelt würde.«

Das Leben von Hans Belschner endete am 14. Oktober 1941 um 5 Uhr in Schwäbisch Hall. Er starb mit gerade einmal 25 Jahren an einer »Gehirnhautentzündung«. So steht es jedenfalls im Leichenbuch der Tübinger Anatomie. Dorthin brachte man ihn schon einen Tag nach seinem Tod. [...]

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Das Projekt »Gräberfeld X«

Welche Rolle hatte die Tübinger Anatomie im NS-System? Wer waren die Menschen, die zwischen 1933 und 1945 nach ihrem Tod in das Institut der Universität für Forschung und Lehre verbracht wurden? Wie lässt sich das Gräberfeld X, auf dem sie auf dem Stadtfriedhof anonym bestattet wurden, in der städtischen Erinnerungsarbeit angemessen und produktiv verankern? Diese Fragen begleiten das gemeinsame Forschungsprojekt von Stadt und Universität Tübingen seit dessen Beginn am 1. Januar 2020.

Das Gräberfeld X

Das Gräberfeld X des Tübinger Stadtfriedhofs diente dem Anatomischen Institut von 1849 bis 1963 als Begräbnisstätte. Seit 1952 gestaltete es die Stadt Tübingen in verschiedenen Phasen zu einem Gedenkort um, an dem die Toten ewiges Ruherecht haben. Denn im Gräberfeld X liegen mehrere hundert Opfer der NS-Gewaltherrschaft begraben. Sie stammen nicht nur aus Deutschland, sondern aus weiten Teilen Mittel- und Osteuropas: Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen, Opfer der NS-Justiz. 1990 stiftete auch die Universität einen Gedenkstein, nachdem die Präparate von möglichen NS-Opfern, die bis dahin noch in der Anatomie und anderen medizinischen Sammlungen vorhanden waren, ebenfalls dort bestattet worden waren.

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Das Gräberfeld X als physischer und symbolischer Ort

Das bedeutet: Das Gräberfeld X ist sowohl ein physischer als auch ein symbolischer Ort. Symbolisch steht das Gräberfeld X als Denkmal für die NS-Opfer und als Mahnmal für die NS-Gewaltherrschaft. Als physischer Ort erinnert es auch an jene Menschen, die zwar keine Opfer des NS-Unrechtssystems geworden sind, aber Betroffene einer Jahrhunderte alten Praxis der anatomischen Leichenbeschaffung waren, die die Würde und das Selbstbestimmungsrecht dieser Menschen nicht achtete. Es waren mittellos Verstorbene, durch Suizid aus dem Leben Geschiedene, Hingerichtete sowie zu Tode gekommene Insassen von Heil- und Pflegeanstalten, sogenannten „Arbeitshäusern“, Gefängnissen. Keine und keiner von ihnen kam freiwillig in die Tübinger Anatomie, niemand wurde gefragt, ob er damit einverstanden war, dass sein Körper seziert oder zur Herstellung von Präparaten genutzt wurde.

Ziele

Wir wollen diesen Menschen ihre Lebensgeschichte und ihren Namen zurückgeben – soweit die Quellen dies zulassen. Auf dieser Homepage werden wir laufend über unsere Arbeit informieren, um die Erinnerung an die Toten auch auf diesem Weg im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Wir hoffen so auch Nachfahren der Verstorbenen zu erreichen und freuen uns über jeden Hinweis und jede Auskunft zu den Toten.

Träger

Träger des Projekts sind die Universität Tübingen und die Universitätsstadt Tübingen.

Aktuelles

21.11.2022
Der Tagungsbericht zur Tagung "NS-Opfer" – Probleme und Potenziale eines erinnerungspolitischen Grundbegriffs ist am 19.11.2022 auf H-Soz-Kult erschienen. Zum Bericht: http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-131406
13.11.2022
Im nächsten Jahr wird der von Esther Meier, Tanja Penter und Heike Winkel herausgegebene Sammelband »Kriegsgefangenschaft. Russländische und sowjetische Erfahrungen im 20. Jahrhundert« erscheinen. Darin [...]
29.08.2022
Im Juni fand in Halle an der Saale die von Paul Weindling und dem Leopoldina-Zentrum für Wissenschaftsforschung organisierte Tagung »Medizin im Nationalsozialismus. Kulturen, Strukturen, Lebensgeschichten« [...]